17.04. Ich jetzt täglich & Florian Ostertag

200703131757Wir schreiben das Jahr 1998. Zwei desorientierte Zivildienstleistende treffen sich in Hamburg. Lutz Nikolaus Kratzer ist der Wahlhamburger aus Gailingen an der Schweizer Grenze. Mark Matthes kommt aus Gross Borstel/Hamburg und wird bald Debussy zerstückeln und loopen.

Schon wenig später spielen sie in einer Hippiekonstellation seltsame Musik. Während Kratzer die Tablas studiert, beschäftigt sich Matthes mit seinem Effektboard, durch das er seine Geigenklänge schickt. Nach dem Zivildienst reist K. nach Indien. Dort schreibt er unzählige Songs auf Deutsch und Englisch, die er manisch und pausenlos probt. Daheim hält sich die Hamburger Schule gerade noch so über Wasser. Strafende Blicke für das bloße Aussprechen des Wortes Weltmusik.
2001 gründen der emotionale K und der kopfgesteuerte M eine Ich-AG. Bei der Fusion ihrer beiden Gehirnhälften drückt das Gewerbeamt ein Auge zu und akzeptiert “Ich Jetzt Täglich” als ein und dieselbe Person. Beide tummeln sich fortan auf dem Schrottplatz des Weltmusikerbes und bedienen sich während ihrer Konzerte eines zusammengepuzzelten Instrumentariums. Das einköpfige Duo erweitert sich bei Konzerten meist um Bassisten und Schlagzeuger. Zum Einsatz kommen fast alle Instrumente aus dem Dtv-Musiklexikon von A-K und viele mehr, z.B. Gitarre, Bass und Schlagzeug.
In der Musik finden sich Bonsai-Pop-Elemente aus elektronischen Klangerzeugern und Orchester-Klänge, die zwischen lakonischen Texten plötzlich Breitwandgefühle aufkommen lassen. Der Psycho-Poet Kratzer polarisiert mit seinen drastischen Wortgebilden, während Matthes seelenruhig eine Klangcollage mit seiner Geige in den Raum projiziert.
Ich jetzt täglich bedienen sich schamlos der Gefühlsorgel, die uns täglich über Radio und Fernsehen anbaggert. Die Musik ist eine akustisch-elektrische Bluesform in deutscher Sprache; mal ironisch mal archaisch die Welt umschreibend. Inbrünstig vorgetragene Banalitäten werden zu tragischen Phrasen, vermeintliche Paradieswelten verwandeln sich in Dienstage. Traumatisiert vom Alltag werden die kleinen Dinge des Lebens besungen. Dazu gehört der Sonnenaufgang am Meer, der den Betrachter dreist ins Gesicht blendet, oder der Ausflug ins Nachtleben mit zermarternden stilistischen Fragen, die sich der Discobesucher in Anbetracht der vielen Gäste und deren Gestaltungswillen stellt. Vertont wird der Hamburger Winter sowie der zarte Sommer, der die Menschen zum Sitzen auf dem warmen Asphalt einlädt.
Einlass 20 Uhr AK: 6 €

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